home
 kontakt
 news
 english


In dieser bildmäßigen Erscheinungsweise der Werke von Thomas Rentmeister liegt ein Aspekt verborgen, der die Skulpturen aufgrund ihrer Materialauffassung deutlich absetzt von den Tendenzen vorangegangener Ausdrucksformen. Die sechziger Jahre, die als ein Jahrzehnt der Skulptur bezeichnet werden können, haben vielfältige Konzepte der Materialauffassung hervorgebracht. Die Stofflichkeit ist vielfach selbst Thema des Werkes, u. a. bei Eva Hesse, Bruce Nauman, Richard Serra oder Ulrich Rückriem. Der Anachronismus wäre einerseits in der Tatsache zu erkennen, dass Thomas Rentmeister immer noch Skulpturen macht, obwohl zeitgenössische Kunstformen und das Bewusstsein um die Geschichte der Bildhauerei dieses dem Diktum des Innovativen nach ausschließen müsste. Anachronistisch ist das Werk von Thomas Rentmeister aber auch im Hinblick auf die Bilderfindungen und deren Umsetzung in eine körperlich-dreidimensionale Form. Diese Erscheinungen, die Rentmeister schafft, lassen die Vermutung aufkommen, dass er seine Vorbilder nicht in der Skulptur hat - erinnert sei an die organischen Formen von Jean Arp -, sondern sie den Sehgewohnheiten neuer Medien entlehnt und nun eben die Virtualität vielfacher Möglichkeitsformen in die euklidische Dreidimensionalität zurückübersetzt. Die Abstraktion der Formen von Rentmeister ist nicht in der Tradition abstrahierter Naturformen zu sehen, sondern in der permanent fließenden Wandlung von Bildern, wie sie von 3-D-Programmen am Computer erzeugt werden. Es ist dieses "Kino" der vorgetäuschten Körper und Dimensionen, das Rentmeister anregt, einen Moment anzuhalten und zu verfestigen. Hier tritt erneut - im zeitgenössischen Gewand - das Laokoon- Motiv Lessings auf, die Vorstellung von der angehaltenen Zeit, das Ausschnitthafte seines Plastikbegriffs, das mit dem Begriff des "fruchtbaren Augenblicks" in der Photographiegeschichte des 20. Jahrhunderts und mit Henri Cartier-Bressons Begriff des "entscheidenden Augenblicks" ein analoges Denkmodell hervorbringt.
Die Werke von Thomas Rentmeister sind nicht Resultat, sondern Antwort auf die entmaterialisierte Welt- und Bildvorstellung heutiger Computergraphik. Dahinter steht der Wunsch, die im 3-D-Programm erzeugte Illusion und aseptische Perfektion der Formen aus dem Bildschirm heraus in die eigene Lebenswelt zu tragen, das Traumhafte der Animation in allen drei Dimensionen des orthogonalen Raumes erlebbar zu machen. Hierin erweist sich das Werk von Rentmeister als anachronistisch, indem er versucht, die unwirklichen Körper des Computerprogramms in die sichtbare Wirklichkeit zu überführen. Dies geschieht bei Rentmeister immer mit einem gewissen Anteil von Humor; die jüngsten Arbeiten scheinen gar Comicfiguren ähnlich. Die Fiktion der Form äußert deutlich narrative Züge, die Komik wird durch die Pose einer Form erzielt. Wieder kommen Schönheit und Schrecken aufeinander zu, das Schöne in Gestalt von Farbe, Form und Figur, der Schrecken dadurch, dass die Wirklichkeit so ist, wie sie die Virtualität doch nur vorzutäuschen suchte. Denn anders als im Kino oder eingesperrt im Computer ist die Skulptur Teil unserer Gegenwart. Sie befremdet uns mit ihrer Körperlichkeit, fasziniert mit der Anwesenheit.
"Körperliche Schönheit entspringt aus der übereinstimmenden Wirkung mannigfaltiger Teile, die sich auf einmal übersehen lassen," schreibt Lessing im 20. Kapitel, und es bleibt die Frage, ob wir in der Lage bleiben, die Komplexität heutiger Einflüsse auf die einfachsten Formen noch auf einmal zu übersehen. "Diese vermischten Empfindungen sind das Lächerliche, und das Schreckliche". (23. Kapitel) Die Parabel von Laokoon, mehr noch das, was sie ausgelöst hat, scheint die Grenzen, die Lessing nur zwischen Malerei und Poesie zu begründen suchte, auszuweiten. Die Grenze in der Kunst verläuft heute weniger zwischen den herkömmlichen Gattungen als vielmehr beständig alternierend innerhalb der Medien, die bis heute hervorgebracht worden sind. Wenn Lessing versuchte, den dargestellten Augenblick nach Analyse der überlieferten Texte zu belegen, dann stellt sich Laokoon heute als geistiger Vater der Skulpturen von Thomas Rentmeister im Kampf um den fruchtbaren Augenblick mit der Virtualität zu erkennen, die ihre Faszination im unendlichen sich verändernden Fließen besitzt und keiner dramaturgischen Erzählung mehr unterworfen ist. Aber vielleicht ist dieser Laokoon der größere Schrecken, der Bildschirm als "die bloße weite Öffnung des Mundes", die Lessing sich vorzustellen versuchte. Darin liegt schließlich der Trost der Skulpturen, dass sie sehr bestimmt nur den einen Moment wiedergeben, in dem man sie unverkennbar als "rosa Luft" ansieht.
© Friedrich Meschede

 
beispiel 1
beispiel 2
beispiel 3
curriculum vitae
homepage